Adventfenster 24

WEIHNACHTEN IM HERZEN

Es war ein Tag wie jeder andere, fünf Tage vor Weihnachten. In der Arbeit war es gerade um diese Jahreszeit sehr anstrengend, ich musste mir alles gut einteilen, um konzentriert und effektiv möglichst viel zu schaffen, die kommenden, freien Tage mit der Familie forderten ihren Tribut. Meist machte ich abends Überstunden, kam dann müde und spät nach Hause. Die Kinder - der kleine Jonas, gerade vier geworden, und die achtjährige Sophie - schliefen dann schon friedlich in ihren Betten, wenn ich kurz die Tür öffnete, um zumindest noch einen Blick auf sie zu werfen.

Sie schienen dann wie zwei Engel und es erfüllte mich immer mit ein wenig Wehmut, dass ich es nicht früher geschafft hatte, um mir ihre tollen Geschichten anzuhören, wie sie den Tag verbracht und was sie alles erlebt hatten. Joanna, die treue Seele an meiner Seite und Mutter dieser zwei wundervollen Kinder, erzählte mir dann in kurzen Zügen die News des Tages. Sie wirkte auch müde und manchmal etwas abgekämpft und ich merkte, dass auch sie traurig darüber war, wie wenig gemeinsame Zeit uns blieb, obwohl sie es nur selten aussprach.

Es hatte sich im Laufe der Zeit eine gewisse Selbstverständlichkeit eingeschlichen – ich kümmerte mich hauptsächlich um die Arbeit, darum, für alle das notwendige Geld zur Verfügung zu stellen und Joanna sorgte sich um das Häusliche, organisierte alles mit den Kindern. Jeder hatte seinen Platz in unserer kleinen Welt und versuchte alles, um seine Aufgabe möglichst perfekt zu erfüllen.

Nun eben an diesem Mittwoch fünf Tage vor Weihnachten verließ ich das Büro schon früher, um im allgemeinen Getümmel der Großstadt noch ein paar Weihnachtsgeschenke für meine Lieben zu suchen. Gott sei Dank hatten die Läden um diese Zeit abends länger geöffnet und ich musste nicht allzu viel wertvolle Zeit opfern. Eine Stunde hatte ich eingeplant, um alles zu erledigen. Danach wollte ich nochmals zurück ins Büro und noch ein paar Arbeiten abschließen.

Als ich so ins Dunkel des Abends trat, bemerkte ich, dass es zu schneien begonnen hatte. Große, weiße Flocken fielen vom Himmel. Auch das noch! Ich schlug den Kragen des Mantels nach oben, um mich ein wenig zu schützen, Schirm hatte ich natürlich keinen dabei und ich wollte auch nicht noch einmal umkehren, um einen zu holen. Das würde unnötige Zeit kosten. So ging ich schnellen Schrittes Richtung Zentrum. Auf dem Weg dahin überlegte ich noch einmal ganz genau, was ich einkaufen würde.

Joanna sollte heuer wieder einmal ein schönes Schmuckstück bekommen, vielleicht ein paar Ohrringe von ihrem Lieblingsjuwelier. Es musste etwas Besonderes sein, Geld spielte dabei nicht unbedingt die große Rolle, schließlich arbeitete ich hart. Und ich wollte ihr einfach wieder einmal zeigen, wie wichtig sie mir war, wie sehr ich es schätzte, dass sie der große Fels in der Brandung war, der für alle immer eine Lösung parat hatte, für jeden immer ein offenes Ohr. Sie war die Drehscheibe unserer Familie, die Anlaufstelle für alle Fälle.

Jonas würde ich eine eigene Skiausrüstung kaufen, der kleine Zwerg hatte ja schon letztes Jahr seine beginnenden Rennfahrerqualitäten unter Beweis gestellt und ich wollte ihn heuer ohnedies in einen Skikurs einschreiben. Ich war ja selbst ein begeisterter Skifahrer, hatte aber doch zu wenig Zeit, um mich selbst als Skilehrer zu engagieren.

Und Sophie…Irgendwie wusste ich noch nicht so ganz genau, was ich ihr schenken sollte. Ihre Skiausrüstung wurde letztes Jahr neu gekauft, Eislaufschuhe hatte sie auch schon, ebenso eine Gitarre für ihr geliebtes Musizieren und Reitstunden würde sie erst wieder im Sommer nehmen…Hmmm, da war guter Rat teuer… Mit Kleidungswünschen junger Damen kannte ich mich nicht wirklich gut aus, darin war Joanna der Profi…Da kam mir eine Idee. Die Verkäuferin beim Juwelier hatte meines Wissens nach auch eine Tochter ungefähr in diesem Alter. Ich hatte sie einmal zusammen mit ihr gesehen, als ich Sophie vom Eislaufen abholte. Ich werde sie fragen, ob sie mir einen Tipp geben kann. Natürlich wüsste Joanna auch immer Rat, aber ich wollte diesmal unter Beweis stellen, dass ich mir auch eigenständig Gedanken um meine Lieben machen konnte, um sie mit netten Geschenken zu überraschen.

So näherte ich mich schon bald dem gewünschten Juwelier an der Ecke. Ich war sehr erfreut zu sehen, dass dort nicht allzu viele Leute zu sein schienen. Unnötige Wartezeiten konnte ich mir nicht leisten. Trotzdem wartete ich, bis Frau Rosa frei wurde und ich mich mit meinen Anliegen direkt an sie wenden konnte. Mit einem freundlichen Lächeln zeigte sie mir, dass sie sich darüber freute, mich wieder einmal in ihrem Laden begrüßen zu dürfen. Nach ein paar höflichen, netten Floskeln zeigte sie mir ihre neuesten Schätze an Ohrringen und schon bald hatte ich mich für eine schlicht elegante Tahitiperlenkomposition entschieden. Ich wusste, dass Joanna schon von Kind an von solchen Perlen geträumt hatte und nun würde ich ihr diesen Herzenswunsch erfüllen. Ich spürte selbst schon ein wenig Vorfreude, wenn ich ihr beim Öffnen des Päckchens zusehen würde können.

Frau Rosa riet mir in Bezug auf Sophie, ihr entweder eine der „angesagten“ Taschen bzw. Rucksäcke zu kaufen oder ev. ein Bettelarmband mit ein paar netten Anhängern, die man nach Belieben auch immer nachkaufen könnte. Ich entschied mich für beides. Letzteres konnte ich ohnehin gleich im selben Geschäft erledigen. Und bezüglich der Tasche musste ich offensichtlich nicht allzu weit gehen. Ich wollte beide Kinder mit ungefähr demselben Geschenkswert erfreuen, keiner sollte bevorzugt werden, das war mir wichtig.

Ich wünschte Frau Rosa ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch und verließ bald das Geschäft. Ich würde gleich noch die Tasche besorgen und dann die Ski.

Dann, fünfzig Meter weiter, passierte es…..

Ich eilte dahin und hörte plötzlich eine alt bekannte Melodie – „somewhere over the rainbow“…

Meine Mutter hatte sie immer vor sich hin gesummt, wenn sie gut gelaunt und offenbar besonders glücklich war. Ich hatte sie dann immer angesehen und ihr still zugehört. Dieses Lächeln um den Mund, die strahlenden Augen und die weichen, vollen Töne, die aus ihrem Mund kamen, ließen ein Bild in mir entstehen, das mich einfach faszinierte…

Und jetzt, fünf Tage vor Weihnachten, hörte ich gerade diese Melodie…schon komisch, oder? Ich dachte an meine Mutter. Was sie wohl machte? Es war schon einige Zeit vergangen, als ich zuletzt mit ihr telefoniert hatte. Sie meldete sich dann auch nur, wenn es ganz dringend war, weil sie wusste, dass ich um diese Zeit immer noch weniger Zeit hatte als sonst. Vielleicht sollte ich sie auf dem Heimweg kurz anrufen, wenn es nicht zu spät wurde. Nur einfach um zu fragen, wie es ihr und Papa ging… In den Weihnachtsfeiertagen würden sie sich ohnehin sehen, Joanna hatte schon Geschenke für sie besorgt.

Ganz in Erinnerungen an früher versunken blieb ich stehen und lauschte den Klängen. Eine wundervolle Melodie…Die Schneeflocken rieselten auf mich herab, sie störten mich lustigerweise gar nicht mehr, ich fand sie irgendwie sogar schön und stimmig. Menschen eilten an mir vorbei. Nur ich stand ein paar Meter von diesem Mann entfernt und betrachtete ihn, wie er aus vollem Herzen diese Melodie zum Besten gab. Er wirkte wie einer dieser Singvögel, die auf einem Baum sitzen und laut in die Welt hinaus posaunen, wie toll der Tag heute ist, wie schön die Stimmung und wie nahe das Glück. Ein Hut lag neben ihm am Boden und ein paar Münzen darin zeigten, dass auch andere Gefallen an diesen Klängen gefunden hatten.

Mir wurde plötzlich bewusst, dass dieser Mann etwas hatte, was mir im Laufe der Zeit abhanden gekommen war. Er war zufrieden. Offenbar war er zufrieden mit sich und der Welt. Er wirkte so. Er spielte das nicht. So etwas spürt man. Der Mann tat, was er tun wollte. Er spielte. Hier. Jetzt. Er war in diesem Moment er selbst und mit ganzem Herzen dabei. Das hörte man. Seine Stimme hatte dieses gewisse Etwas, diese Stärke, diese Kraft, dieses besonders Gefühlvolle, das jedes Herz berührt und dort diese unglaubliche Sehnsucht zurücklässt…….Manche Menschen können mit dem Herzen singen, das ist etwas unglaublich Schönes……

Ich stand immer noch da und hörte zu. Ich lauschte gebannt, war unfähig, meine Schritte weiter zu lenken. Plötzlich war so vieles nicht mehr wichtig. Die Erinnerung holte mich ein. Ich sah meine Mutter, ich hörte ihre Worte, die sie immer gesagt hatte, wenn sie bemerkte, dass ich ihr andächtig lauschte:

„Vergiss nie, mein Kleiner – wohin du auch gehst, gehe mit deinem ganzen Herzen! Was immer du tust…vergiss nie deine Träume, die du als kleiner Junge geträumt hast…vergiss nie zu lieben, als ob es kein morgen gäbe…vergiss nie zu danken, denn jeder Tag ist ein Geschenk Gottes an dich…vergiss nie, dass du auf diese Welt gekommen bist, um zu lernen und deinen Weg zu finden, deine Bestimmung zu erfüllen…vergiss nie, dass wir alle Fehler machen und wir deshalb immer wieder verzeihen müssen- uns und anderen, niemand ist perfekt…vergiss nie, dass du immer wieder neu anfangen, dass du immer wieder aufs Neue versuchen kannst, dein Bestes zu geben…gib dich nie mit weniger zufrieden…vergiss nie das Kind in dir, das neugierig bleibt, das das scheinbar Unmögliche möglich machen will, das jeden Tag unvoreingenommen beginnt und bereit ist, Neues zu entdecken, sich auf Schatzsuche zu begeben…vergiss nie, dass Wunder immer wieder passieren, sich aber nur dem offenbaren, der bereit ist, staunend und mit liebenden Augen die Welt zu betrachten…nur, wenn du deinem Herzen folgst, kannst du wirklich glücklich und zufrieden werden…“

Ich war von einem Moment auf den anderen wie vom Blitz getroffen…mitten im Herz…

Der Mann hörte auf zu spielen. Er packte seine Sachen und ging weiter. Vorher lächelte er mir aber kurz zu und in seinen Augen sah ich dieses Strahlen, das ich schon kannte und ich las dieses verständnisvolle Wissen, das Erkennen des anderen in seinem Gesicht…Er hatte sein Herz geöffnet und dabei eine Brücke zu meinem geschlagen. Er hatte mit seiner Melodie meine Welt verändert und er war glücklich darüber. Er hatte mir freiwillig einen Teil seines Herzens geschenkt und dafür etwas bekommen, das ihn auf eine andere Art und Weise reicher machte, als Geld es konnte…Ich lächelte zurück und hob meine Hand zum Gruß.

Ich stand noch ein paar Sekunden da und ging dann verändert weiter im Strom der eiligen Menschen.

Ich wollte noch Geschenke für meine Lieben besorgen, die Arbeit beenden, die ich heute angefangen hatte…

Ich wollte, ich durfte…

Plötzlich war ich dankbar für vieles Selbstverständliche und ich wusste, dieser Mann hatte mir mit seiner Melodie das größte Weihnachtsgeschenk gemacht. Mein Bewusst-sein hatte sich verändert. Ich empfand große Dankbarkeit für mein Leben, das ich mit lieben Menschen an meiner Seite teilen konnte. Ich würde in Zukunft mehr Zeit mit ihnen verbringen, wirklich mit ihnen und nicht neben ihnen leben. Ich würde wieder lernen, mehr zu staunen über vieles und die Wunder sehen, die uns umgeben. Ich würde wieder öfter meinen Lieben sagen, wie wert-voll sie mir waren, wie glücklich ich mich schätzte, bei ihnen und mit ihnen sein zu dürfen. Ich würde lernen, im Umgang mit meinen Kindern selbst das Kind in mir wiederzufinden und bereit sein, meinen Träumen von einst zu folgen.

Ich würde das alles nicht nur denken, sondern auch in die Tat umsetzen. Ich würde wieder mehr leben, mehr genießen…

Ich spürte die Schneeflocken in meinem Gesicht und lachte wie ein kleiner Junge, der sich über den ersten Schnee freut…Das Leben war so unsagbar schön und ich hatte wirklich Glück, es so hier und jetzt leben zu dürfen…

Dieses Fest würde ein besonderes werden – irgendwie gleich wie jedes Jahr und doch auf eine ganz spezielle Art und Weise neu…

.....

...

Ich wünsche dir ein Weihnachten des Staunens…mit den Augen eines Kindes…ein wunder-volles Fest!

zurück